{"id":31,"date":"2021-01-03T14:51:07","date_gmt":"2021-01-03T13:51:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/?page_id=31"},"modified":"2021-07-08T14:16:27","modified_gmt":"2021-07-08T12:16:27","slug":"autobiographischer-lebensrueckblick","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/autobiographischer-lebensrueckblick\/","title":{"rendered":"Autobiographischer Lebensr\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Kirchenmusiker im Wandel des Jahrhunderts<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Neunzigj\u00e4hriger blickt zur\u00fcck<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In meiner Kindheit sah es nicht danach aus, dass ich sp\u00e4ter einmal in der Kirchenmusik meine Lebensaufgabe sehen w\u00fcrde. Das Dorf, in dem ich in einer kinderreichen Lehrersfamilie aufwuchs, der seit meinem zweiten Lebensjahr die Mutter fehlte, bot musikalisch nichts irgendwie Bemerkenswertes. Musik durch Einschalten gab es noch nicht. Das Klavierspiel erlernte ich autodidaktisch, angeregt durch einen \u00e4lteren Bruder, der das Lehrerseminar besuchte und mit Begeisterung Schubertlieder sang, zu denen er sich selbst am Klavier begleitete. F\u00fcr den wissbegierigen und leicht lernenden J\u00fcngsten w\u00e4re das humanistische Gymnasium im nahen Heilbronn in Frage gekommen, aber mein Vater schickte mich ebenfalls ins Lehrerseminar, weil er annahm, dass dort ein mehr pietistisch bestimmter Religionsunterricht erteilt w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hatte die Esslinger Lehrerbildungsanstalt in dem Komponisten und Musikschriftsteller August Halm, dessen B\u00fccher (vor allem \u201eVon den zwei Kulturen der Musik\u201c und \u201eDie Symphonie Anton Bruckners\u201c) bleibende Bedeutung erlangt haben, einen w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs an ihr aushilfsweise unterrichtenden Klavier- und Violinlehrer von h\u00f6chstem k\u00fcnstlerischem Format und p\u00e4dagogischem Verantwortungsbewusstsein. Seine \u00fcberragende Pers\u00f6nlichkeit bewirkte, dass ich mich g\u00e4nzlich der Musik verschrieb und bald erste Gestaltungsversuche machte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Klavierspiel trat im dritten Jahr das Orgelspiel, jetzt auf freiwilliger Basis, w\u00e4hrend es bis 1918 noch obligatorischer Bestandteil der Lehrerbildung gewesen war. Diese umfasste im musikalischen Bereich au\u00dfer dem Instrumentalspiel und der allgemeinen Musiklehre auch Harmonielehre und, sehr wichtig, die Pflege des Chorgesangs, die durch die Kooperation mit dem unter Leitung des Seminarmusikdirektors und Stadkirchenorganisten Wilhelm Nagel stehenden Esslinger Oratorienverein Gesicht und Gewicht erhielt. Anf\u00e4nglich im Alt, dann im Tenor mitsingend und sp\u00e4ter die Orgelbegleitungen ausf\u00fchrend, beeindruckten mich die Auff\u00fchrungen von Werken der gro\u00dfen Meister aus den einzelnen Epochen in st\u00e4rkstem Ma\u00dfe und hinterlie\u00dfen richtungweisende Spuren. Als Orgelspieler konnte ich mich bei der 1. Volksschuldienstpr\u00fcfung mit der gro\u00dfen a-Moll-Fuge von Bach (Peters II) pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie ging es damals weiter? Infolge des Beamtenabbaus musste ein jeder, auch bei besten Zeugnissen, jahrelang auf eine Anstellung warten. Zum Studium der P\u00e4dagogik in T\u00fcbingen, das auch ohne Abitur m\u00f6glich gewesen und von der Beh\u00f6rde gef\u00f6rdert worden w\u00e4re, mochte ich mich bei der Einseitigkeit meines musikalischen Engagements nicht entschlie\u00dfen, und eine Abteilung f\u00fcr Kirchen- und Schulmusik an der Stuttgarter Musikhochschule gab es noch nicht. So \u00fcbernahm ich, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, eine Stelle als Hilfsbuchhalter bei einer Stuttgarter Bank, dann als Hilfswachtmeister mit B\u00fcrot\u00e4tigkeit und Unterrichtserteilung bei der Schutzpolizei, und nebenher studierte ich aufs Angelegentlichste Kontrapunkt bei dem Regersch\u00fcler und sp\u00e4teren Direktor der Musikhochschule Hugo Holle. Schon bisher hatte ich mich zum Teil mit der noch herrschenden sp\u00e4tromantischen Musik befasst, trotz der Gegenposition Halms zu vielen ihrer Exponenten, und auch die Sch\u00f6nbergsche Harmonielehre schon durchgearbeitet. Vertonungen aus der meinen Seelenzustand stark ber\u00fchrenden \u201eMusik des Einsamen\u201c von Hermann Hesse waren entstanden, und zwei mit Mixturkl\u00e4ngen bereits in die Zukunft weisende H\u00f6lderlinges\u00e4nge waren von Professor Hans Joachim Moser als Musikbeilage der Kulturzeitschrift \u201eDer T\u00fcrmer\u201c mit einer au\u00dferordentlich r\u00fchmenden Besprechung ver\u00f6ffentlicht worden. Durch Holle, der mit seiner Madrigalvereinigung die neuesten Chorwerke in Donaueschingen aus der Taufe hob, wurde ich verst\u00e4rkt auf die zeitgen\u00f6ssischen Bestrebungen aufmerksam. Eine Klaviersonate, die ich damals schrieb, wird auch heute noch, obwohl nicht atonal, in ihrer Umarbeitung f\u00fcr die Orgel als sehr \u201emodern\u201c empfunden. Ich war auf dem Weg, ungeachtet der geringen Aussichten einer Musikerexistenz, zum Vollstudium der Musik \u00fcberzugehen. Aber die \u00e4u\u00dferen und inneren Schwierigkeiten meiner Lebensumst\u00e4nde veranlassten mich dann doch zum nunmehr gegebenen Eintritt in den Schuldienst. Eine Anstellung vorwiegend mit Musikunterricht w\u00e4re sicher m\u00f6glich gewesen. In Missachtung meiner musikalischen Zielrichtung (der zust\u00e4ndige Referent: \u201eSie sind vielseitig, Sie kann ich \u00fcberall hinstellen\u201c) wurde ich aber auf sechs verschiedenen Stellen an Volks-, Mittel- und h\u00f6herer Schule verwendet, was auch das Problem der jeweiligen Beschaffung eines Mietklaviers einschloss, bis ich endlich, immer noch unst\u00e4ndig, mit einem Auftrag als Klavier- und Orgellehrer an meiner fr\u00fcheren Bildungsst\u00e4tte in Esslingen bedacht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als dann 1930 die nebenamtliche Organisten- und Chorleiterstelle in Schorndorf frei wurde, \u00fcbernahm ich dieses Amt und lie\u00df mich nach Ablauf des Schuljahrs zum Studium an der inzwischen an der Stuttgarter Musikhochschule errichteten Abteilung f\u00fcr Kirchen- und Schulmusik beurlauben. Meine Orgellehrer waren die Professoren Keller und Strebel. Von den Studien in Tonsatz und Komposition bei den Professoren Roth, Str\u00e4sser und Petyrek waren am fruchtbarsten diejenigen bei Herman Roth, der sp\u00e4ter Hindemith bei dessen Arbeit an der \u201eUnterweisung im Tonsatz\u201c beriet und einen den linearen Bewegungsenergien mit \u00e4u\u00dferster Sorgfalt nachsp\u00fcrenden Kontrapunkt lehrte. In Schorndorf konnte ich mich in der Praxis erproben, auch erstmals eine Bachkantate, ein H\u00e4ndeloratorium dirigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sodann war an der Hochschule Richard G\u00f6lz, Lehrbeauftragter f\u00fcr Liturgik und Hymnologie, in meinen Gesichtskreis getreten. Die von der Kirche seinen Anschauungen gem\u00e4\u00df aufgenommene Singbewegung brachte einen kirchenmusikalischen Aufbruch, weg von subjektiv romantischer Gef\u00fchlsekstase und Hinwendung zur objektiven, \u00fcberpers\u00f6nlichen Klarheit der alten Meister. Das bedeutete zugleich eine R\u00fcckf\u00fchrung auf die elementaren Grundlagen der Musik und schuf auch eine Distanz zum allzu Konstruierten der Sch\u00f6nbergschule. In diesem Sinn verstand ich meine Arbeit in Schorndorf. Das \u201eBiblische Lehrst\u00fcck vom Unkraut zwischen dem Weizen\u201c, 1933 erfolgreich in der Musikhochschule Stuttgart und in Schorndorf aufgef\u00fchrt, stammt aus dieser Zeit und dokumentiert meine damals schon postmoderne, im \u00dcbrigen auch dem angebrochenen \u201eDritten Reich\u201c gegen\u00fcber kritische Haltung. Den nach dem damaligen Modus abgelegten Pr\u00fcfungen in Schulmusik und in Kirchenmusik f\u00fcgte ich nach kurzer T\u00e4tigkeit an der Schorndorfer Volksschule noch ein weiteres Studienjahr hinzu. Die zu Ende gehenden Ersparnisse und die Absicht der Familiengr\u00fcndung zwangen mich dann, endg\u00fcltig in den Schuldienst zu gehen. Die R\u00fcckkehr an die Schorndorfer Schule wurde mir aber zugunsten eines f\u00fcr Sport in der Hitlerjugend vorgesehenen Junglehrers verweigert. F\u00fcr die hauptamtliche T\u00e4tigkeit an der Stadtkirche war die Zeit noch nicht reif, und so begann eine neue, die musikalische Weiterarbeit weithin unm\u00f6glich machende Odyssee durch mehrere Schulstellen hindurch, bis ich 1937 als Reallehrer in Calw st\u00e4ndig wurde und den Chorleiter- und Organistendienst an der Stadtkirche \u00fcbernehmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Calw war in der Pflege der Kirchenmusik von einer r\u00fchmlichen Tradition gepr\u00e4gt. Die St\u00e4dte Calw, Nagold und Sulz hatten in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts den Ansto\u00df f\u00fcr die Bildung des Deutschen Evangelischen Kirchengesangvereins gegeben und damit den Grund f\u00fcr das heutige Kirchenchorwesen gelegt. Dirigent des Calwer Chors war um die Jahrhundertwende der Verlagsbuchh\u00e4ndler Friedrich Gundert, ein Onkel von Hermann Hesse. Er war ein begeisterter Bachverehrer und geh\u00f6rte zu den Subskribenten der damals erscheinenden Bachausgabe. Zusammen mit dem in der Calwer B\u00fcrgerschaft gro\u00dfes Ansehen und manchen Einfluss besitzenden Rechtsanwalt Rheinwald, ebenfalls einem Bachkenner, der \u00fcber eine tragende Bassstimme verf\u00fcgte und sp\u00e4ter die Vorstandschaft \u00fcbernahm, brachte er den Verein zu voller Bl\u00fcte. Die nachfolgenden Dirigenten kamen wieder wie \u00fcblich aus dem Lehrerstand. Es konnten die gro\u00dfen klassischen und romantischen Chorwerke bestens aufgef\u00fchrt werden, und Calw galt bald als Hochburg der Bachpflege in W\u00fcrttemberg. Auch die Singbewegung fasste Fu\u00df: geistliche Musik nicht nur k\u00fcnstlerischer Genuss zur Versch\u00f6nerung des Gottesdienstes, wie es bei der Gr\u00fcndung des Evangelischen Kirchengesangvereins gehei\u00dfen hatte, sondern Wortverk\u00fcndigung, durch die das Evangelium transparent werden sollte. Von dieser Auffassung ausgehend war 1933 der Chor zu einem Organ der Kirche umgebildet und damit der Umpolung durch den NS-Staat entzogen worden. Das schloss keineswegs aus, dass au\u00dfer dem Singen im Gottesdienst besondere kirchenmusikalische Veranstaltungen wie zu Vereinszeiten stattfinden konnten. Sie setzten die Calwer Tradition fort, aber sie waren im vollen Sinn geistliche Musik geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das entsprach durchaus meiner Einstellung, und so konnte bald die Auff\u00fchrung der Bachschen Matth\u00e4uspassion in Angriff genommen werden. Dem leistungsf\u00e4higen Chor stand ein durch ausw\u00e4rtige Kr\u00e4fte verst\u00e4rktes Orchester einheimischer Instrumentalisten, wie man sie in gleicher Zahl und Qualit\u00e4t sonst kaum noch in einer solch kleinen Stadt finden konnte, zur Seite, auch einheimische Gesangssolisten, so f\u00fcr die Evangelistenrolle ein weit \u00fcber Calw hinaus gesch\u00e4tzter Tenor, standen zur Verf\u00fcgung. Und statt des Knabenchors der \u201eOberschule f\u00fcr Jungen\u201c wurde der des Evangelischen Kinderheims Stammheim eingesetzt. Damit und auf Grund der entschiedenen Haltung der f\u00fcr die Kirchengemeinde Verantwortlichen gelang es, dem geistlichen und kulturellen Auftrag der Kirchenmusik treu zu bleiben und seine Kraft gerade auch in dieser schwierigen Zeit wirksam werden zu lassen. Meine gleichzeitige Schult\u00e4tigkeit von den Anforderungen der nationalsozialistischen Ideologie freizuhalten war allerdings nicht leicht, doch blieb es bei gelegentlichen Drohungen und dienstlichen Unannehmlichkeiten. Der Wiedergabe der Matth\u00e4uspassion folgten Auff\u00fchrungen des Messias und vorbachscher Meister, dann 1942, vor meiner Einberufung zum Kriegsdienst, eine Kirchenmusik mit eigenen Werken. Dass noch lebende Mitwirkende und Zuh\u00f6rer sich an manches aus der Gleichnis-Kantate immer noch erinnern, habe ich mit Freude erfahren d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kriegsende und R\u00fcckkehr aus der Gefangenschaft konnte ich als einer, der nicht der NSDAP beigetreten war, mit meiner Arbeit im unzerst\u00f6rt gebliebenen Calw sofort wieder beginnen, f\u00fcr mich die beste Zeit meiner Calwer Jahre. Nach den Ersch\u00fctterungen des Kriegs und dem Zusammenbruch des \u201eDritten Reichs\u201c war das Ansehen der Kirche nicht gering, der Kirchenchor hatte infolgedessen auch keine Nachwuchssorgen, und das Singen im sonnt\u00e4glichen Gottesdienst war noch nicht von der durch das Auto herbeigef\u00fchrten Mobilit\u00e4t beeintr\u00e4chtigt. Der Geist der Singbewegung war weiterhin ma\u00dfgebend, doch lag mir die Einseitigkeit mancher ihrer in erster Linie auf die fr\u00fchmeisterliche Polyphonie fixierten Vertreter fern. Die Erarbeitung reiner A-capella-Werke ohne Zuhilfenahme eines Instruments war mir manchmal, nach 7st\u00fcndigem Schulunterricht, deshalb nicht mehr m\u00f6glich, weil meine Stimme in den Randlagen nicht mehr tragf\u00e4hig war, um st\u00fctzend oder korrigierend einzugreifen. Und \u00fcberwiegend handelte es sich in den Singstunden um die Einstudierung von Kantaten, Passionen, Oratorien, die bei der Auff\u00fchrung ohnehin von Instrumenten begleitet waren. Auf die in der Singbewegung verp\u00f6nten Crescendi und Decrescendi wollte ich an Stellen nicht verzichten, wo sie keine nur aufdringlichen Gef\u00fchls\u00e4u\u00dferungen waren, sondern der dr\u00e4ngenden Bewegung der Linien entsprangen oder der Verlebendigung des Wortes dienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich war auch, dass au\u00dfer Bach, H\u00e4ndel, Sch\u00fctz ein Werk von Mendelssohn, der \u201eElias\u201c, als Wiedergutmachung der Ausschaltung des Komponisten durch die NS-Herrschaft, wieder hervorgeholt wurde. Wenn man auch nach wie vor das allzu Romantische in der Kirchenmusik ablehnte: die Dramatik seiner musikalischen Darstellung und Farbigkeit seiner Orchestrierung konnte man uneingeschr\u00e4nkt bewundern. Und Gro\u00dfwerke wie das Brahmssche Requiem, dessen Auff\u00fchrung durch die Mitwirkung der Stuttgarter Philharmoniker das begl\u00fcckendste Dirigentenerlebnis meiner Calwer Zeit war, stehen in ihrem Einw\u00e4nde vergeblich machenden Format jenseits der Bewertung von verschiedenen Stilrichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tonangebend f\u00fcr Auswahl und Interpretationsstil blieben aber der dem objektiv G\u00fcltigen zugewandte Bach und die Meister um und vor ihm. Das zeigte sich noch einmal beim hundertj\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Chors 1966 in Festgottesdienst und Festauff\u00fchrungen. Indessen, das Klima hatte sich allm\u00e4hlich ver\u00e4ndert, gegens\u00e4tzliche weltanschauliche Einfl\u00fcsse machten sich geltend, die Jugend begann wegzubleiben. Mit dem Dienst bei einem Vortrag von Landesbischof Haug am 450. Jahrestag der Reformation endete meine 30j\u00e4hrige Amtszeit an der Calwer Stadtkirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor meiner Verabschiedung, bereits seit dem Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg, war eine \u00c4ra zu Ende gegangen, die durch die enge Verbindung von Kirche und Schule auf dem Felde der Kirchenmusik gekennzeichnet gewesen war. Die Lehrerseminare hatten auch die Funktion einer Pflanzst\u00e4tte der Kirchenmusik, und die Organisten hin und her im Land wurden fast ausschlie\u00dflich vom Lehrerstand gestellt, auch der Stuttgarter Stiftsorganist Professor Heinrich Lang war aus ihm hervorgegangen. Nun war an den neu gegr\u00fcndeten p\u00e4dagogischen Hochschulen eine kirchenmusikalische Ausbildung zwar noch m\u00f6glich, aber die Hochschule hatte nicht mehr die Aufgabe einer umfassenden Versorgung des Landes mit Organisten, sondern das war direkte Angelegenheit der Kirche geworden. Und es gab nun den hauptamtlichen Kirchenmusiker mit neuen M\u00f6glichkeiten, neuen Horizonten in der Aus\u00fcbung dieses Amtes.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was war aus dem Komponisten Laitenberger in dem ihm beschiedenen, in Calw besonders arbeitsaufwendigen Doppelamt des Schul- und Kirchenmusikers geworden? F\u00fcr meine kompositorischen Ambitionen blieb fast keine Zeit mehr. Die Entwicklung in der zeitgen\u00f6ssischen Musik behielt ich stets im Auge, konnte sie aber nicht bejahen, was der Verbreitung meiner wenigen noch entstehenden Kompositionen &#8211; kirchlich gebunden waren es Choralvorspiele, Motetten, eine Weihnachtskantate &#8211; nicht dienlich war. Auch im Rahmen meiner Schult\u00e4tigkeit geschriebene Musik &#8211; Lieds\u00e4tze, ein Trio f\u00fcr Violine, Cello und Klavier, ein \u201eChorisches Spiel von der Jungfrau Maleen\u201c, das H J. Moser in der 4. Auflage seines Musiklexikons unter dem Stichwort \u201eSchuloper\u201c verzeichnet hat &#8211; verlangte eine neue Einfachheit und festigte meine postmoderne Einstellung. Endg\u00fcltige Klarheit brachte mir das bahnbrechende Werk von Ernest Ansermet \u201eDie Grundlagen der Musik im menschlichen Bewusstsein\u201c, mit dem ich mich dann im Ruhestand auseinander setzen konnte. Ausgehend von der H\u00f6rverfassung des menschlichen Ohrs lehnt er die Zw\u00f6lftonmusik Sch\u00f6nbergs, soweit sie nicht noch tonale Bez\u00fcge aufweist, und alle durch ihn ausgel\u00f6sten Folgeerscheinungen ab. Ich kann mir aber, allerdings mehr nur als Randerscheinung, die Einbeziehung von au\u00dferhalb des tonalen Systems stehenden Kl\u00e4ngen denken, die ja doch, wie z.B. die der Trommeln, von jeher in der Musik eine Rolle spielten, und habe Ger\u00e4usche, Klangb\u00e4nder, Cluster selber auch dann und wann verwendet. Nur: bei aller der Dissonanz nicht aus dem Weg gehenden Herbheit, die mir unsrer Zeit gem\u00e4\u00df erscheint, muss der tonale Rahmen erhalten bleiben, wenn die Musik ihre Macht \u00fcber die Gem\u00fcter nicht verlieren soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ruhestand im sch\u00f6nen Remstal hatte mir endlich die M\u00f6glichkeit unbehinderten Schaffens er\u00f6ffnet, dem ich mich bei guter Gesundheit bis in die letzten Jahre widmen konnte. Es umfasst im wesentlichen zahlreiche Kantaten und Motetten, Lieder f\u00fcr Einzelstimme und Klavier, drei Orgelsonaten, Kammermusik, meist mit Orgel oder Klavier, ein Konzert f\u00fcr Orgel und Streichorchester, Choralpartiten f\u00fcr Blechbl\u00e4ser, insbesondere aber einige gr\u00f6\u00dfere geistliche Chorwerke: Psalm 104 f\u00fcr Soli, Chor und Orchester, den Evangelienbericht \u201eEs ist eine Stimme eines Predigers in der W\u00fcste\u201c, das Oratorium \u201eZeit des Jeremia\u201c, sowie die Kantate \u201eVon der Nichtigkeit des Menschen und von G\u00fcte und Allmacht Gottes\u201c. Etwa seit der Urauff\u00fchrung des Psalms 104 in Kirchheim\/Teck kann ich mich einer wachsenden Zahl von Auff\u00fchrungen erfreuen, sowohl in zentralen St\u00e4tten der Musikpflege, wie auch kleineren Pl\u00e4tzen im L\u00e4ndle. Ich m\u00f6chte nicht vers\u00e4umen, all denen, die, mit gro\u00dfem K\u00f6nnen und gewiss selbstlosem Einsatz, sich meiner Musik angenommen haben, herzlichen Dank zu sagen. Ebenso danke ich allen, die meine kirchenmusikalische Arbeit insgesamt mitgetragen und mitgestaltet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese R\u00fcckschau sollte nicht nur Darstellung des pers\u00f6nlichen Wegs eines Komponisten sein, sondern ist im Blick auf die allgemeine Entwicklung w\u00e4hrend dieser Zeit geschrieben. Dass unser eigenes Tun nur St\u00fcckwerk ist und wir in allem der g\u00f6ttlichen Gnade bed\u00fcrfen, die ich in meinem Leben immer wieder erfahren habe, kommt in der meine Komponistent\u00e4tigkeit abschlie\u00dfenden, im Lobpreis Gottes endenden Kantate zum Ausdruck. K\u00fcnftiges bedenkend gelten meine besten W\u00fcnsche dem Bem\u00fchen, lebendig gestalteter geistlicher Musik neue Quellen zu erschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>[W\u00fcrttembergische Bl\u00e4tter f\u00fcr Kirchenmusik 6\/1993]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kirchenmusiker im Wandel des Jahrhunderts Ein Neunzigj\u00e4hriger blickt zur\u00fcck In meiner Kindheit sah es nicht danach aus, dass ich sp\u00e4ter einmal in der Kirchenmusik meine Lebensaufgabe sehen w\u00fcrde. Das Dorf, in dem ich in einer kinderreichen Lehrersfamilie aufwuchs, der seit meinem zweiten Lebensjahr die Mutter fehlte, bot musikalisch nichts irgendwie Bemerkenswertes. 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