{"id":46,"date":"2021-01-03T15:10:23","date_gmt":"2021-01-03T14:10:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/?page_id=46"},"modified":"2021-07-08T14:17:03","modified_gmt":"2021-07-08T12:17:03","slug":"musikauffassung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/musikauffassung\/","title":{"rendered":"Musikauffassung"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zu den Grundlagen der Musik<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fakten und Folgerungen<strong>&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die uns mehr denn je bedr\u00e4ngende Frage, was aus der Musik werden will, welches ihre der Gegenwart angemessene Gestalt sein k\u00f6nnte, welche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Neues noch gegeben sind, kann nicht lediglich von der Zeitsituation her gestellt werden, sie erfordert auch ein \u00dcberdenken und Im-Auge-Behalten der allgemeinen Grundlagen der Musik. Leider wird das vor einigen Jahren erschienene, mit mathematischem, philosophischem und sonstigem Gep\u00e4ck m\u00e4chtig befrachtete, 830 Seiten umfassende Werk \u201eDie Grundlagen der Musik im menschlichen Bewusstsein\u201c von E. Ansermet, dem gro\u00dfen Dirigenten und Bahnbrecher Strawinskys, wohl nur von wenigen gelesen. Es d\u00fcrfte daher keine m\u00fc\u00dfige Angelegenheit sein, einige Gedanken zu den Fundamenten der Musik zu \u00e4u\u00dfern. Zweck dieser Ausf\u00fchrungen ist es vor allem, auf ein paar ganz offen liegende, aber gerade deshalb wohl zu wenig beachtete Fakten hinzuweisen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es auch klar ist, dass die Musik nicht rein physikalisch, mit der naturgegebenen Obertonreihe, begr\u00fcndet werden kann, sondern dass es der Mensch ist, der die Musik macht und dass sie seine geistige Tat ist, so ist doch festzustellen, dass in den naturgegebenen Erscheinungen eine wichtige, nicht zu vernachl\u00e4ssigende oder auszuschaltende Voraussetzung musikalischen Gestaltwerdens liegt. Die Natur bietet dem Menschen ganz bestimmte T\u00f6ne an, eben die Obert\u00f6ne. Auf einem Naturhorn k\u00f6nnen nur sie hervorgebracht werden, und ein so genannter Hornsatz, der die Naturt\u00f6ne des Instruments ben\u00fctzt, klingt besonders gut. F\u00fcr die vokale Ausf\u00fchrung solcher S\u00e4tze (man denke an zweistimmige Jagd-, Wald-, Natur-, Wanderlieder) ist das ausgesprochene Wohlgef\u00fchl, das die Singenden dabei haben, bezeichnend. Es muss also auch beim Menschen eine Bereitschaft f\u00fcr diese T\u00f6ne vorhanden sein. Ist es nun richtig, wenn solch musikalisch Urspr\u00fcngliches g\u00e4nzlich ausgeschlossen wird, wie das in der heutigen Musik doch weithin grunds\u00e4tzlich geschieht? Sollte nicht auch der fortgeschrittenste Zustand von Musik wenigstens noch spurenweise, wenigstens noch dann und wann daran erinnern?<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Gesetz der Obert\u00f6ne f\u00fcr die Musik von eminenter Bedeutung ist, zeigt sich schon beim ersten Oberton, den die Natur uns schenkt. Es ist die Oktave, und wir h\u00f6ren sie als einen zwar h\u00f6heren, aber doch zugleich mit dem Grundton identischen Ton. Damit ist eine Gliederung des Tonraums gegeben, die verwirrende F\u00fclle einzelner Tonexistenzen wird \u00fcberschaubar, hohe und tiefe Lagen k\u00f6nnen im Unisono erklingen, es kann eine Tonleiter geben, die einen Anfang und ein Ende hat, Dreikl\u00e4nge k\u00f6nnen umgekehrt werden usw. Und wieder die Entsprechung beim Menschen: Was bei einer klingenden Saite oder Pfeife vor sich geht, bestimmt auch die verschiedene Tonh\u00f6he der M\u00e4nner- und Frauenstimme &#8211; Erweis einer einheitlichen, bewunderungsw\u00fcrdigen g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfungsordnung, die nicht au\u00dfer Kraft zu setzen ist. Zwar differieren Sopran- und Bassstimmen um mehr als eine Oktave, aber die vergleichbaren Stimmen halten den Oktavabstand voneinander&nbsp; ein (tiefster Ton der Bass- und der Altstimme im Allgemeinen \u201af\u2019, h\u00f6chster Ton der Tenor- und der Sopranstimme \u201aa\u2019). &#8211; Als n\u00e4chstes Intervall nach der Oktave tritt in der Obertonreihe die Quinte auf. Sie begegnet uns ebenfalls in der Unterschiedlichkeit der menschlichen Stimmen: Man rechnet bei den Chorten\u00f6ren in der Tiefe noch mit \u201ac\u2019, bei den B\u00e4ssen mit F, entsprechend bei Sopran und Alt, die Quinte kann somit als die von der tiefen zur hohen M\u00e4nner- bzw. Frauenstimme reichende stimmliche Spannweite gelten. Keine starren Abgrenzungen, aber die Orientierung zu den Verh\u00e4ltnissen der Obertonreihe hin ist doch unverkennbar. Kann man nicht sagen, dass im Falle der Oktave und Quinte das Obertongesetz im Menschen Fleisch geworden ist? Und zwingt das nicht dazu, den obertontr\u00e4chtigen Ton, den Naturton zum Ausgangspunkt der Musik zu w\u00e4hlen und nicht den obertonfreien Sinuston? Muss nicht die autonom elektronische Musik, die sich nicht mit dem auch f\u00fcr Stimmen oder traditionelle Instrumente M\u00f6glichen und dort Praktizierten begn\u00fcgt und f\u00fcr die die Oktave ein Zufallsereignis ist, ein beliebiger Punkt in einem gestaltlosen, keinem Gesetz mehr unterworfenen Tonraum, am Menschen vorbei gehen, da sie zu wenig von seiner Struktur, von seinem Wesen in sich tr\u00e4gt?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn also in den Obert\u00f6nen Gewichtigeres beschlossen ist, als man zun\u00e4chst denken m\u00f6chte, dann ist auch noch darauf hinzuweisen, dass von 16 T\u00f6nen dieser Reihe 10 dem Durakkord angeh\u00f6ren, nur 6 in ihn nicht eingeordnet werden k\u00f6nnen. Die Natur gibt also dieser Harmonie ein nicht weg zu diskutierendes \u00dcbergewicht. Ber\u00fccksichtigt man, dass die Obert\u00f6ne, je weiter sie sich vom Grundton entfernen, desto schw\u00e4cher sind, so verschiebt sich das Verh\u00e4ltnis 10 : 6 sogar noch wesentlich zugunsten der im Durklang liegenden T\u00f6ne, weshalb auch von den \u00fcber dem 16. Ton liegenden Obert\u00f6nen ohne weiteres abgesehen werden kann. Ist es nun nicht bedenklich, dass die Musik heute die Dreiklangsharmonie vollst\u00e4ndig missachtet, dass ein Kritiker eine zeitgen\u00f6ssische Musik deshalb verurteilt, weil sie noch Dreikl\u00e4nge enth\u00e4lt? M\u00fcsste man nicht umgekehrt es beanstanden, wenn sie fehlen? Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Erhaltung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen ist heute, im Zeichen des Umweltschutzes, doch im Wachsen begriffen. Und die Musik soll der Naturgrundlage entbehren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Gestaltwerdung ist freilich ein Akt des Menschen. Wenn wir drei dieser naturgegebenen Dreikl\u00e4nge zusammenstellen, wenn wir dem Dreiklang \u00fcber dem Grundton seine beiden n\u00e4chsten Verwandten, den Dreiklang \u00fcber der Ober- und den \u00fcber der Unterquinte beigeben, so erhalten wir die Kadenz und aus ihr durch stufenweise Aneinanderreihung der einzelnen Akkordt\u00f6ne die Durskala. Dieses kleinste sinnvolle musikalische Geschehen, das sich in der Kadenz abspielt (ein Spiel mit T\u00f6nen eines einzigen Dreiklangs kann noch nicht als musikalischer Vorgang bezeichnet werden), ist mit seiner spannungsgeladenen Konfrontation von Ober- und Unterdominante eine unvergleichlich pr\u00e4gnante Darstellung der Dynamik, die allen Lebensvorg\u00e4ngen eignet, ein Urvollzug von zwingender Kraft, der nicht anders gedacht werden kann, die Weltformel der Musik schlechthin. Uns wie aus dem Keim die Pflanze herauf w\u00e4chst, wie daraus etwa der Baum wird und seine Zweige weit ausbreitet, so ist die ganze tonale Musik eine riesige Weitung, Ausfaltung dieses musikalischen Urvorgangs. Die Tonleiter wie Riemann aus der Kadenz abzuleiten, entspricht zwar nicht dem historischen Hergang, ist aber dadurch gerechtfertigt, dass Musik f\u00fcr uns Heutige mehr oder weniger mehrstimmige Musik ist. Ansermet gewinnt die Tonleiter durch blo\u00dfen Quintenaufbau und greift damit auf Pythagoras und seine Schule zur\u00fcck. Beim Ausgangston \u201ad\u2019 ergibt sich, wenn man je drei Quinten nach oben und unten geht und diese T\u00f6ne in den Raum einer einzigen Oktave transferiert, die dorische Leiter \u201ad\u2019 \u201ae\u2019 \u201af\u2019 \u201ag\u2019 \u201aa\u2019 \u201ah\u2019 \u201ac\u2019 \u201ad\u2019, deren T\u00f6ne auch von der bei den Griechen lydisch, sp\u00e4ter jonisch genannten, mit unserer Durtonleiter identischen Skala ben\u00fctzt werden. Nun deckt sich bei den nach dem Quintensystem gewonnenen Tonh\u00f6hen die gro\u00dfe Terz allerdings nicht vollkommen mit der des Naturdreiklangs. Dieses Problem, die Frage, ob wir die Terz pythagor\u00e4isch oder als Naturterz h\u00f6ren, braucht hier nicht er\u00f6rtert zu werden, da schon infolge unsrer \u201ezurechth\u00f6renden\u201c Intervallauffassung der winzige Unterschied f\u00fcr das praktische Musizieren bedeutungslos ist. Aber sehen wir uns die harmonische Ableitung der Tonleiter durch Riemann nochmals an! Die Kadenz konstituiert sich durch zwei Quinten, die Ober- und Unterdominante, und diese beiden sind, wie ihr Name sagt, herrscherliche T\u00f6ne. Erinnern wir uns daran, dass eine Unzahl von Menschen nichts anderes darstellen als ein Hin und Zur\u00fcck zwischen den beiden Angelpunkten Grundton und Dominante. Wir k\u00f6nnen, wenn die Oktave das den Tonraum ordnende Intervall ist, die Quinte (das erste eigentliche Intervall, da die Oktave den Grundton wiederholt) auch das zeugende Intervall nennen. [Die Terz &#8211; bzw. Sexte &#8211; w\u00fcrde, wenn wir noch mehr Intervallen spezifische Funktionen zusprechen wollen, das Herzw\u00e4rme spendende Intervall sein, die Sept als erste in der Obertonreihe auftretende Dissonanz der Unruhestifter]: Die beiden Quinten rufen, indem sie einander in der Kadenz gegen\u00fcber treten, mit ihren Akkorden die Musik ins Leben. Es ist daher doch wohl nicht falsch, wenn das aus dem Quintverh\u00e4ltnis der Kadenzakkorde (wie auch aus dem blo\u00dfen horizontalen Quintenaufbau der Pythagor\u00e4er) hervorgehende Tonsystem mit einem Absolutheitsanspruch auftritt. Versuchen wir, eine analoge \u201eKadenz\u201c mit dem Akkord der gro\u00dfen Oberterz und dem der gro\u00dfen Unterterz zu bilden, so zeigt sich die Unersetzbarkeit, Ausschlie\u00dflichkeit der Quintkadenz deutlich: In der Akkordfolge \u201aC\u2019 \u201aAs\u2019 \u201aE\u2019 \u201aC\u2019 m\u00fcsste, schon auf dieser Anfangsstufe von Musik, \u201aas\u2019 in das \u201agis\u2019 des E-Dur-Akkords umgedeutet werden, und es erg\u00e4be sich eine Tonleiter, die mit dem periodischen Wechsel von 1<sup>1<\/sup>\/<sub>2<\/sub>&#8211; und&nbsp;<sup>1<\/sup>\/<sub>2<\/sub>-Tonschritten zwar ein Ordnungsprinzip demonstrierte, aber keinen einzigen Ganzton aufwiese.<\/p>\n\n\n\n<p>Als lebendigem Organismus ist der Tonleiter der Vorgang von Spannung und Entspannung ebenso eingepr\u00e4gt wie der Kadenz. Das zeigt schon die Gegen\u00fcberstellung der beiden Tetrachorde, aus denen sie besteht, in der ihren Halbt\u00f6nen, dem aufw\u00e4rts strebenden Leitton und dem abw\u00e4rts geneigten Gleitton, entsprechenden Zielrichtung: Der scharfe Zusammenprall der Unter- und Oberdominante in der Sekunddissonanz (f\u00fcr C-Dur \u201af\u2019-\u201ag\u2019) f\u00fchrt \u00fcber die von den Theoretikern oft auch als Halbdissonanz bezeichnete Quarte (\u201ae\u2019-\u201aa\u2019) und die Konsonanz der Sexte (\u201ad\u2019-\u201ah\u2019) zur vollkommenen Entspannung in der \u201eIdentit\u00e4t\u201c des unteren und oberen Grundtons. Ein verh\u00e4ngnisvoller Irrglaube war die Meinung Sch\u00f6nbergs, die Dur- und Molltonleiter, organisch lebendige Gebilde, k\u00f6nnten in der seiner Zw\u00f6lftonmusik zugrunde liegenden g\u00e4nzlich gesichtslosen chromatischen Skala aufgehen. Dieser ist das Signum des K\u00fcnstlichen, Gewollten, nicht Gewachsenen auf der Stirn geschrieben. Die Durskala k\u00f6nnen wir ohne St\u00fctze durch ein Instrument mit spielerischer Leichtigkeit in schnellstem Tempo singen. Wie m\u00fchsam ohne instrumentale Hilfe ist das dagegen mit der chromatischen Skala! Und man sollte doch denken, dass es chromatisch viel besser geht als diatonisch, da man nicht aufpassen muss, ob jetzt ein ganzer oder halber Tonschritt kommt. In Wirklichkeit k\u00f6nnen wir die chromatische Tonleiter nur von den diatonischen Stufen aus singen, indem wir st\u00e4ndig Alterierungen vornehmen (und unterschwellig wohl auch entsprechende Harmonien unterlegen). In schnellem Zeitma\u00df ist dieses komplizierte Denken nicht mehr m\u00f6glich, wir haben dann die arithmetische Teilung der Oktave in zw\u00f6lf unterschiedslos gleiche Stufen zu bew\u00e4ltigen, wobei unser musikalisches Realisationsverm\u00f6gen streikt; denn das Ohr, wir k\u00f6nnen auch sagen das musikalische H\u00f6rbewusstsein, verlangt unabdingbar die geometrischen Proportionen, denen unsre Intervalle unterliegen [Einfachstes Beispiel die bei den Orgelregistern bezeichnete Oktavenfolge 2&#8242;, 4&#8242;, 8&#8242;, 16&#8242;, 32&#8242; (nicht 2&#8242;, 4&#8242;, 6&#8242;, 8&#8242;, 10&#8242;)] und auf denen unser abendl\u00e4ndisches Tonsystem fu\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier wird evident, dass der Mensch auf die Tonalit\u00e4t hin angelegt ist, und dass alle Versuche, ihm ein grundlegend anderes System aufreden zu wollen, letzten Endes zum Scheitern verurteilt sind, oder dass diese anderen Ordnungen nur begrenzte M\u00f6glichkeiten in sich tragen in dem Ma\u00dfe, als sie noch, bewusst oder unbewusst, Verbindungen zum tonalen System enthalten, was auch bei Zw\u00f6lftonmusik je nachdem noch der Fall sein kann. Man berufe sich doch nicht auf exotische Tonsysteme, die bekanntlich viel st\u00e4rker instrumentgebunden sind (auf Instrumenten l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich alles M\u00f6gliche machen, was f\u00fcr eine auf den Menschen bezogene, also letztlich vokal abzuleitende Musik problematisch ist), auf Tonsysteme, deren Unvollkommenheit, Unterlegenheit sich ja gerade darin zeigt, dass ihnen die Entwicklung zur hohen Kunst versagt geblieben ist, dass sie nicht den Grad organischer Durchbildung erreicht haben wie das von den Griechen begr\u00fcndete abendl\u00e4ndische. F\u00fcr Pythagoras war die Welt der T\u00f6ne eine Parallelerscheinung zur Struktur des Makrokosmos, der harmonia der Sph\u00e4ren, und des Mikrokosmos, der die leibseelische Natur des Menschen meint. Den Zusammenhang zwischen Mensch und Musik, den auch der Instrumentalismus nicht allzu sehr verlassen darf, glaube ich mit dem Vorstehenden in einigem deutlich gemacht zu haben. In der tonalen Musik ist er gewahrt. Die Tonalit\u00e4t aufgeben w\u00fcrde bedeuten, den Menschen aus der Musik zu verabschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenigstens sollten die Avantgardisten Stimmen wie die von J. Rohwer nicht \u00fcberh\u00f6ren, der in seiner Rezension von Ansermets Buch (in der Zeitschrift \u201eDie Musikforschung\u201c, 4\/1967) schreibt: \u201eDem Leser kann sich ein nachdenklicher Zweifel aufdr\u00e4ngen, ob nicht doch vielleicht allein die Bindung an gewisse, wenn auch nur allgemeinste \u201akadenz-rhythmische\u2019 Bezogenheit aller in einem Musikablauf vorkommenden Einzelheiten nicht nur ein plattes Vorverst\u00e4ndnis, sondern eine voll erf\u00fcllte Bewusstseinsverwirklichung von Musik erst erm\u00f6gliche.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Konsequenzen m\u00fcssten aus der Neuwertung der tonalen Musik gezogen werden? Keinesfalls d\u00fcrfte die R\u00fcckkehr zum tonalen Gesetz dazu f\u00fchren, dass Tonalit\u00e4t eng verstanden wird. Man wird heut auch eine erweiterte, schwebende oder im Grenzfall auch nur angedeutete Tonalit\u00e4t noch gelten lassen k\u00f6nnen. Die formale tonale Geschlossenheit des Ganzen kann vielleicht mehr oder weniger in Frage gestellt sein, die Musik im einzelnen aber doch von tonaler Verst\u00e4ndlichkeit sein, tonalen Geist noch in sich tragen. Im Zusammenhang mit der Forderung grunds\u00e4tzlich tonaler Ausrichtung steht die Notwendigkeit der Erhaltung der Dreiklangsharmonie, denn aus Dreikl\u00e4ngen ist die Kadenz gebildet. Die Dissonanz als St\u00f6rung des Dur- und Molldreiklangs kann nicht der Konsonanz gleich gestellt werden, wenn auch ihre Aufl\u00f6sung sehr verz\u00f6gert und nachtr\u00e4glich geschehen kann. Nat\u00fcrlich ist der Unterschied zwischen Konsonanz und Dissonanz an sich nur ein gradueller. Aber in aller Musik, die noch dem mit der Kadenz gesetzten Ursprung der Musik verpflichtet ist, von diesem Geist sich wenigstens etwas noch erhalten hat (und auch in streng linearer Musik sind harmonische Einfl\u00fcsse noch wirksam und lassen sich ohne Schaden nicht ganz ausschalten), ist er ein prinzipieller. Zugegeben, dass auf einer hoch getriebenen Stufe der Entwicklung mehr Freiheit herrscht, Gebote und Verbote entfallen, durch neue Notwendigkeiten \u00fcberholt sind und in neuen Bez\u00fcgen aufgehen. Aber irgendwie muss noch der Zusammenhang mit der einfachen Grundstruktur vorhanden sein, auch wenn er der fl\u00fcchtigen Betrachtung sich zun\u00e4chst verbirgt. Ich kann mir einen Tonsatz denken, der fast denselben Eindruck macht wie ein die Dissonanz freiz\u00fcgig behandelnder, und der trotzdem gewisse Aufl\u00f6sungstendenzen von Zusammenkl\u00e4ngen ber\u00fccksichtigt. Es entspricht sicher dem Geist unsrer Zeit, dass die Dissonanz, der h\u00e4rtere, intellektuellere Klang eine st\u00e4rkere Rolle spielt. Also nicht einfach S\u00e4uberung der Musik von Dissonanzen. Aber ihrer vollst\u00e4ndigen Freiz\u00fcgigkeit, ihrem willk\u00fcrlichen Gebrauch kann man nicht ohne weiteres zustimmen. [Der in der Schlager- und Unterhaltungsmusik \u00fcblich gewordene Schluss mit der dem Grundton des Dreiklangs hinzugef\u00fcgten Sext mag etwa den Zustand ausdr\u00fccken, in dem man sich willenlos dem Kreativen \u00fcberl\u00e4sst. In geistlicher Musik k\u00f6nnten solche Schl\u00fcsse von zeichenhafter Bedeutung sein, Hinweis auf die Unvollkommenheit, St\u00fcckwerkhaftigkeit all unsres menschlichen Singens und Sagens. Das sind aber au\u00dfermusikalische Begr\u00fcndungen.] Auch die Chromatik sollte das Feld nicht allzu sehr beherrschen, denn in ihr vor allem sitzt die Gefahr der \u00dcberkompliziertheit, der Zerst\u00f6rung des Nat\u00fcrlichen und Urspr\u00fcnglichen. In starkem Umfang kann die Quartenharmonik herangezogen werden; sie gibt dem Satz, da auch die abspringende Aufl\u00f6sung immer sehr nahe liegt, modernes Gepr\u00e4ge und d\u00fcrfte in ihrer Wirkung noch nicht zu abgebraucht sein. Selbst Cluster kleineren Umfangs kann man sich in ein System eingebaut denken, das die Dissonanz nicht voraussetzungslos zul\u00e4sst. Schlie\u00dflich sollten die Komponisten sich \u00fcberlegen, ob es nicht besser w\u00e4re, auch wieder einmal eine sinnf\u00e4llige Melodie zu komponieren. Es gibt in neuerer Musik oft nur noch keuchende Linien oder bizarre Gebilde von fast unm\u00f6glichen Intervallspr\u00fcngen. Warum soll der S\u00e4nger nur noch in extremsten Lagen sich bewegen oder nur noch Fetzten von Melodie singen d\u00fcrfen? Ich w\u00fcrde es auch nicht als grunds\u00e4tzlich verfehlt ansehen, wenn wir gelegentlich wieder etwas so Wohllautendes wie einen Hornsatz zu h\u00f6ren bek\u00e4men, auch wenn wir heute nur noch auf Ventil- und nicht mehr auf Naturh\u00f6rnern blasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich h\u00f6re den Einwand, dass das nicht weiter f\u00fchrt, dass all das tats\u00e4chlich eben doch abgedroschen ist und daher nur Langeweile verursachen kann. Hierzu sagt Ansermet, die Entwicklung der musikalischen Sprache sei nun einfach abgeschlossen (ungef\u00e4hr mit der Musik Debussys), und der Komponist habe heute mehr oder weniger nur die M\u00f6glichkeit, die ein f\u00fcr allemal gegebenen Mittel in einer freien pers\u00f6nlichen Weise anzuwenden. Ersetzen wir die Forderung der Neuartigkeit durch die der Originalit\u00e4t, so l\u00e4sst sich Hindemith zitieren: \u201eNicht alles Originelle ist gut, aber alles Gute ist originell.\u201c Es kommt auf die Qualit\u00e4t des Komponisten an! Selbst Sch\u00f6nberg hat die tonale Musik wieder in ihre Rechte eingesetzt: \u201eEs gibt noch viel gute Musik in C-Dur zu komponieren.\u201c Und es w\u00e4re einmal die Frage zu stellen, ob der f\u00fcr die Welt der Technik ma\u00dfgebende Gedanke des Fortschritts in der Kunst heute nicht ins Gegenteil, in den R\u00fcckschritt gef\u00fchrt hat, ob wir z.B. mit der Ger\u00e4uschmusik nicht so gut wie auf dem Niveau der Primitiven angekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansermet, der die Entwicklung des sp\u00e4teren Strawinsky nicht gut gehei\u00dfen hat, hat alles, was dem &#8211; nicht allzu kleinkariert aufgefassten &#8211; tonalen Gebot sich nicht f\u00fcgt, als Unsinn bezeichnet. So weit braucht man nicht unbedingt zu gehen. Die Beschwichtigung, dass eine serielle Musik, die vom H\u00f6rbewusstsein nicht mehr akzeptiert wird, vor Gott noch Anerkennung finden k\u00f6nnte, ist zwar wenig zufrieden stellend, solange Gott den Menschen oder einem durchaus verst\u00e4ndniswilligen Teil von ihnen nicht Ohren und Sinn f\u00fcr die Qualit\u00e4ten dieser Musik aufschlie\u00dft. Aber es gibt zweifellos F\u00e4lle, wo man nicht von Unsinn reden kann. Auch seither sind mit Trommel, Becken, Triangel usw. der Musik Elemente hinzugef\u00fcgt worden, die sich nicht tonal einordnen lassen. Und \u00e4hnlich k\u00f6nnen unter bestimmten Voraussetzungen, z.B. in der Programmmusik (und die wortgebundene Musik ist als Textinterpretation ja auch Programmmusik), gelegentlich Abirrungen vom tonalen Prinzip wie die Verwendung von Akkorden im Sinne blo\u00dfer Farbwerte, losgel\u00f6st von ihrer urspr\u00fcnglichen Herkunft und harmonischen Zielstrebigkeit, hingenommen werden. Dass aber die Musik seit Debussy einer rein sinnlichen Reizsamkeit des Harmonischen immer mehr verfallen ist und schlie\u00dflich den tonalen Boden ganz und prinzipiell verlassen hat, ist schlechthin vom \u00dcbel, und es w\u00e4re an der Zeit, dass die Schlichtheit und Unmittelbarkeit der Natur wieder mehr in die Musik hereingeholt w\u00fcrde. Die denaturierte Tonalit\u00e4t bei Sch\u00f6nberg musste ja schlie\u00dflich auch zur Denaturierung der Akkorde und Intervalle in den Klangfl\u00e4chen etwa bei Ligeti oder Penderecki weiterf\u00fchren, und die elektronische Musik hat die Denaturierung des Tons hinzugef\u00fcgt. Welch ein Ausma\u00df von Unnatur! Man kann nun wohl Klangb\u00e4nder oder Cluster im Sinn von \u201evorgefertigten Bauelementen\u201c verwenden, die mit der tonalen Organik nichts mehr zu tun haben, und so eine Musik auf andrer, a- oder antiorganischer Grundlage erstellen, in die auch die Ger\u00e4uschmusik und \u00c4hnliches, was eventuell sogar die Urt\u00fcmlichkeit einer nicht verfremdeten, lediglich unerschlossenen oder ungeb\u00e4ndigten Natur f\u00fcr sich haben k\u00f6nnte, einzurechnen w\u00e4re. Aber verbleiben wir damit nicht im Vorfeld von Musik? Muss das nicht auf kurze Episoden beschr\u00e4nkt bleiben oder vorsichtig in die wirkliche Musik eingepasst werden wie bisher schon das Schlagzeug, gegen dessen heute ausgiebigere Verwendung dann nichts einzuwenden w\u00e4re? Am ehesten gerechtfertigt sind die neuen Mittel, wo illustrative Absichten vorliegen, der Sinn woanders herkommt als von der Eigengesetzlichkeit der Musik. Das Rezitativ der Oper k\u00f6nnte einigen Anlass zu ihrer Anwendung geben. So gut wie man sich hier bisweilen mit dem gesprochenen Dialog begn\u00fcgt, kann man das Wort auch durch solche Anders- oder Nichtmusik akzentuieren. Aber die gro\u00dfen Szenen sollten denn doch von wirklicher, und das hei\u00dft tonaler Musik getragen sein. Was die geistliche Musik betrifft, so hat Bornefeld mit dem \u201eBuch Versammler\u201c ein Werk geschaffen, das neueste Verfahren der Chor- und Orgelpraxis f\u00fcr die Sinnaufschlie\u00dfung des Textes einbezieht, eindrucksvoll beschw\u00f6rend in der Wirkung, wenn ich auch meine, dass das Element des durchsichtig Tonalen dabei zu sehr verdr\u00e4ngt ist. Als absolute Musik k\u00f6nnen die extremen Werke der Gegenwart mit der alten Musik nicht konkurrieren. Wenn man die neuesten Produktionen, die der Funk bringt, regelm\u00e4\u00dfig h\u00f6rt, bekommt man sie fast schneller satt als manche seit Kindheitstagen einem bekannte und oft geh\u00f6rte tonale Musik. Es ist zumeist ein \u00dcberraschungsmoment, ein pl\u00f6tzlicher Wechsel, der ber\u00fcchtigte Paukenschlag, was das Aufkommen von Langeweile verhindert. Aber davon kann eine Musik nicht leben, im Gegenteil, man hat in der klassischen Musik die blo\u00dfe Abwechslung, den unmotivierten \u00dcbergang als Mangel an gestalterischem Verm\u00f6gen angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Experimentieren in Ehren, es darf und soll sein. Leider hat sich dabei das Komponieren vom Menschen, vom singenden Menschen allzu sehr abgewandt, ist allzu sehr den Instrumenten und Apparaten, der Verf\u00fchrung durch die Technik verfallen. Deshalb verspreche ich mir auch von den Produkten aus Stockhausens Studio nicht allzu viel. Ich kenne zwei Schallplatten von ihm. Die eine, \u201eProzession\u201c, ist f\u00fcr mich eine zusammenhangslose Ansammlung von Schallereignissen, die auf mich dieselbe Wirkung hat wie etwa der Maschinen- und Arbeitsl\u00e4rm in einem modernen Industriebetrieb, auch wenn der Komponist noch so viel konstruktive Bem\u00fchung daran gewendet hat. Die andere, \u201eMomente\u201c, zeigt mir, wie ich es ebenso stark kaum einmal bei einer Musik unsrer Zeit empfunden habe, den ersch\u00fctternden Bankrottzustand unsrer abendl\u00e4ndischen Kultur. Ist es nicht der entseelte Mensch von heute, der uns in diesen \u201eMomenten\u201c entgegentritt und als dessen typischer Vertreter sich Stockhausen, indem er solches komponierte, zu erkennen gibt? Einen noch schlimmeren Eindruck habe ich von Kagel. Wenn die Engl\u00e4nder beim H\u00e4ndelschen Halleluja in der Kirche aufstehen, so m\u00f6chte ich beim Kagelschen Halleluja aus der Kirche fliehen. Und wenn Kagel Instrumente, die dazu bestimmt sind, edelste oder wenigstens brauchbare Kl\u00e4nge hervorzubringen, nur darauf abtastet, was an unnormalen, missgl\u00fcckten, verunstalteten Kl\u00e4ngen aus ihnen herauszuholen ist, und wenn er diese Vorf\u00fchrungen immer wieder durch ein malizi\u00f6ses Lachen oder Kichern unterbricht, dann muss das doch die Wirkung der lauernden T\u00fccke, der vors\u00e4tzlichen B\u00f6swilligkeit hervorrufen. An sich ist die Bem\u00fchung um neues Klangmaterial und neue Klangwirkungen nicht verwerflich. Aber wenn, wie es bei Kagel der Fall zu sein scheint, Niedertr\u00e4chtiges rechtm\u00e4\u00dfig an die Stelle de H\u00f6hergearteten tritt, wenn, vergleichsweise gesprochen, die Fratzengestalten, die an romanischen oder gotischen Kirchen als Wasserspeier dienen, auf den Altar erhoben werden, dann ist das doch diabolisch.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Musik der Kirche jedenfalls gilt es, zu pr\u00fcfen und das Gute zu behalten. Das nur Artifizielle kann ihr nicht gen\u00fcgen. Sie hat es mit dem Menschen zu tun, an den sich ihre Botschaft der Hoffnung richtet (weshalb sie in einer gef\u00e4hrdeten Welt und Zeit auch nicht nur Grauen malen kann), und der singend ein wahrhaftiges Lob darbringt. Mit den rasch wechselnden musikalischen Moden unsres Jahrhunderts wird sie sich nicht allzu sehr, nicht auf Gedeih und Verderb verbinden k\u00f6nnen. Es ist dies, denke ich, kein Fehler, auch wenn sie in ihrer trotzdem vorhandenen Bedeutung untersch\u00e4tzt werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>[W\u00fcrttembergische Bl\u00e4tter f\u00fcr Kirchenmusik Mai\/Juni 1972]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Grundlagen der Musik Fakten und Folgerungen&nbsp; Die uns mehr denn je bedr\u00e4ngende Frage, was aus der Musik werden will, welches ihre der Gegenwart angemessene Gestalt sein k\u00f6nnte, welche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Neues noch gegeben sind, kann nicht lediglich von der Zeitsituation her gestellt werden, sie erfordert auch ein \u00dcberdenken und Im-Auge-Behalten der allgemeinen Grundlagen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-46","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/46","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=46"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/46\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":236,"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/46\/revisions\/236"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.laitenberger-kirchenmusik.de\/neu\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=46"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}